Wie man spricht
Unter allen ägyptischen Hieroglyphen gibt es kein einziges Zeichen, das einen Vokal bedeutet. (Nicht von der
Aussprache irritieren lassen. Das Zeichen
spricht man zwar "a"
aus, aber es entspricht nicht einem Vokal, siehe Umschrift). Die ägyptische
Schrift ist also, ähnlich wie die "unpunktierte" arabische und hebräische Schrift, eine reine
Konsonantenschrift. Nun kann man natürlich eine Folge von lauter Konsonanten nicht aussprechen, man muß
eben wissen, welche Vokale in das Konsonantengerüst hineingehören. Das ist weniger kompliziert, als es
klingt. Auch wir können ja beispielsweise einen fast nur aus Konsonanten bestehenden Annoncentext ohne alle
Schwierigkeit lesen:
Komf. Apptms. b. 4 Pers. 35,- od. komf. Fer.-Whg.
b. 8 Pers. 45,-, Zim. m. Frst. 15,-, Ztrhzg......
In ähnlicher Weise können Araber einen arabischen Text lesen, auch wenn die Vokale nicht durch Striche
über oder unter den zugehörigen Konsonanten angegeben sind. Ebenso haben die alten Ägypter ihre
Hieroglyphen mit den richtigen Vokalen lesen können, obwohl die Vokale nie geschrieben waren. Bei der
entsprechenden Kenntnis der Sprache weiß man eben, mit welchen Vokalen das Konsonantengerüst bestimmter
Wörter zu füllen ist. Hier liegt nun das Problem für die Ägyptologen. Weil die Sprache der
Hieroglyphen seit fast 2000 Jahren eine tote Sprache ist, kennt niemand die Vokalisierung altägyptischer
Wörter genau. Gewiß läßt sich mit sprachwissenschaftlichen Überlegungen die Vokalisierung
vieler Wörter annäherungsweise erschließen, aber das ist sozusagen eine Wissenschaft für sich.
Für den täglichen Gebrauch bedienen sich die Ägyptologen eines ebenso einfachen wie gewaltätigen
Tricks, um die Häufung von lauter Konsonanten aussprechbar zu machen: sie fügen zwischen die Konsonanten
einfach ein e ein.
Ein Wort snb sprechen sie also seneb aus, ein Wort nfrt also neferet usw. Außerdem ist man übereingekommen,
bestimmte Konsonanten, die Vokalen nahestehen, als a, i und u auszusprechen (siehe
Einkonsonantenzeichen).
Die Aussprache der ägyptischen Wörter, die so zustande kommt, ist natürlich absolut künstlich.
Sie dürfte so weit von der seinerzeitigen Lautung entfernt sein, daß ein Ägypter des Altertums,
könnte er einen heutigen Ägyptologen "Ägyptisch" sprechen hören, diesen schwerlich
verstehen würde. Schriftlich könnten sich die beiden dagegen mühelos verständigen!
Man muß zugeben, daß Wörter mit lauter e-Vokalen nicht gerade schön klingen. Deshalb haben sich
seit langer Zeit für manche Königsnamen andere Aussprachen eingebürgert, die sich nicht nach den eben
genannten Regeln richten. So findet man beispielsweise für den nach ägyptologischer Konvention als
Imenhetep auszusprechenden Namen in der Literatur oft Wiedergaben wie Amenhotep, Amunhotpe, Amenhetep u.ä.
Für den weiblichen Namen, der eigentlich Neferet-iiti auszusprechen wäre, hat sich in Deutschland die
Aussprache Nofretete eingebürgert. Die Engländer sagen dagegen meistens Nefertiti. Natürlich ist keine
dieser Formen "richtig", denn die seinerzeitige Aussprache des Namens ist nach den neuesten
sprachwissenschaftlichen Untersuchungen etwa Nafteta gewesen.
Jemand hat sich mal den Spaß und die Arbeit gemacht, alle verschiedenen Wiedergaben des Namens Ij-m-htp,
des weisen Baumeisters des Pharaos Djoser, zu zählen, die sich im modernen Schrifttum
finden: er kam auf 34 verschiedene Formen!
Um das Laienverwirrspiel komplett zu machen, gibt es nun noch Namen ägyptischer Könige, die von
altgriechischen Schriftstellern überliefert sind und die oft in heutigen Büchern verwendet werden. Für
den Namen Amenhotep existiert beispielsweise die griechische Form Amenophis. Daß eine solche griechische
Namensform vorliegt, läßt sich in vielen Fällen an der Endung -os, -is oder -es erkennen.
(Textteile aus: Karl-Th. Zauzich "Hieroglyphen ohne Geheimnis")
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